«Futures» Robert Seidel
‘Futures’ · Robert Seidel · 2006 · Music by Zero7
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Kurzes Interview
Deine Arbeiten sind sehr malerisch. Du zeigst eigentlich den Entstehungs-Prozess von Bildern auf – ohne dass dabei aber ein fertiges Bild entsteht. Alles fliesst immer weiter – es scheint dir um das flüchtige zwischen den konkreten Bildern zu gehen. Kannst du dazu etwas ausholen?
Mit meinen Filmen möchte ich Gefühle hervorrufen, die nicht direkt auf dem Gesehenen basieren, sondern den persönlichen Assoziationen des Betrachters und deren emotionaler Dichte. Die abstrakten Bilder sind „Erinnerungskatalysatoren“ und simulieren eine verschwommene Wahrnehmung – einen Zustand in dem man eine Struktur beziehungsweise Bewegung zu erkennen glaubt oder etwas Vergessenes wieder in den Fokus zurückfindet. Dieses Prinzip der „Unschärfe“ gibt es in der Malerei sehr lange, so schuf schon Turner abstrahierte Naturzustände, die eine sehr persönliche Leseart erlauben. Das Kaleidoskop der Reaktionen hilft mir zudem das seltsame Wesen namens Mensch besser zu verstehen.
Wachstum, Vielfalt und Wirkungskomplexität der Natur sind dabei wichtige Quellen meiner Arbeit, die zusammen mit meinen Erinnerungen ein Erzählskelett liefern. Dieses wird mit verschiedenen Fragmenten aufgefüllt, in denen ich räumliche, zeitliche oder strukturelle Ideen analysiere. Der Entstehungsprozess dieser Einzelteile ist sehr aufwendig und da meine Arbeitsweise vom Chaos beherrscht wird, muss ich genügend Zeit und Ruhe haben, um alles in einem Film abzuschliessen. Ein späteres „Übermalen“, wie in der Malerei ist leider nicht möglich, da in meinen Filmen alle Bilder aufeinander aufbauen und eine Rekonstruktion des Zeitflusses für mich kaum möglich ist. Daher schlummern viele Skizzen im täglichen freiberuflichen Überlebenskampf und erlangen nie die Reife, die ich zur Veröffentlichung für notwendig erachte. Somit ist die Zahl meiner Arbeiten überschaubar, dennoch folgt Alles kontinuierlich einer Gesamtidee, ohne sich zu stark von der Aussenwelt beeinflussen zu lassen.
Du verwendest Fotos aber auch von Hand gemalte Vorlagen. Kommst du von der Malerei? Malst du auch „analoge“ Bilder?
Ich versuche meine Objekte und deren Transformation nicht nur am Rechner zu konstruieren, da der digitale Zufall häufig selbstähnliche Muster hervorbringt. Die Komplexität der Natur ist am Rechner schwerlich zu erzeugen, unabhängig davon, ob dies überhaupt ein Ziel sein sollte. Wenn ich nun Zeichnungen, Fotos, 3D-Scans, Motion Capture-Daten oder Röntgenbilder als Bezugspunkte wähle und diese nach meinen Vorstellungen arrangiere, greifen die einzelnen Filmebenen stärker ineinander und werden mit „natürlichen Zufällen“ akzentuiert. Das Abbildungsvokabular der Naturwissenschaft ist für mich ähnlich massgebend, wie das der bildenden Kunst.
Die Zeichnung ist seit meiner Kindheit wichtiger als die Malerei, unzählige Artefakte in meinen Schulheften sprechen davon. Ich denke das Element meiner Filme, welches an pastöse Malerei erinnert, kommt massgeblich von meiner Interpretation der Skulptur, welche der flachen Zeichnung eine Tiefe verleiht und im fertigen Filmbild eine zersplitterte Perspektive auf etliche Volumen- und Zeitansichten liefert. In der Gesamtheit sehe ich meine Arbeit nicht nur in der Tradition des Experimentalfilms, sondern zusätzlich der „Tableaux vivants“, der „lebenden Bilder“, wenn auch mit einer Fragmentierung des menschlichen Körpers.
Unabhängig von Allem ist die Zeichnung immer der verborgene Ursprung.
Du hast eine sehr eigene visuelle Sprache entwickelt, die sich abhebt von vielen anderen aktuellen „Digital-Animations“-Künstlern… Deine Arbeiten wirken sehr organisch, oft sehr üppig und bunt. Vieles das man sonst sieht ist eher technoid und grafisch-reduziert oder sieht eben aus wie einem 3D-Programm entsprungen. Hat das einfach mit deinen Vorlagen zu tun oder woher kommt das?
Das organisch-digitale Element entspringt meiner oben genannten Faszination für die Natur und deren erste Reproduktionsversuche in Form von Fraktalen. Mein Vater hatte mir als Kind Mandelbrot-Mengen näher gebracht und ich war und bin sehr erstaunt, wie sich aus einigen kryptisch-mathematischen Grundregeln solch unendlich verzweigte und verschlungene Strukturen ableiten lassen. Der Minimalismus hat es nie geschafft, mich auf eine ähnliche Art zum Träumen und Experimentieren anzuregen. Als ich mit dem Studium am Bauhaus-Universität Weimar anfing, war es schon zu spät meine Prägung aufzulockern …
Meine Verwendung von Farben untersteht immer der Aussage des jeweiligen Projektes. Generell bin ich von sehr kräftigen Farben eines bestimmten Spektrums fasziniert, die ich aber je nach Film „eindämme“. „_grau“ ist eigentlich von Anfang bis Ende farbig. Ich habe mich aber entschlossen nach dem Filmereignis des Unfalls die Farben fast gänzlich zu entfernen, da es sich von diesem Zeitpunkt an nur noch um die flimmernden Standpunkte von Erlebnissen handelt, deren Helligkeiten in der Summe ein grau ergeben sollten. Meinen kommerziellen Arbeiten möchte ich diese Schwere nicht mitgeben, sie sind daher durchweg farbig, können aber durchaus wie in „Futures“ nostalgische Farbverschiebungen aufweisen.
Den Clip den wir hier sehen ist ja zu einem Song von Zero 7 gemacht – ein Musikvideo eigentlich. Welche Rolle spielt der Sound in deiner Arbeit? Kannst du etwas zur Zusammenarbeit zwischen dir und Musiker/Sounddesigner sagen?
Das Musikvideo „Futures“ ist meine einzige Arbeit, wo der Soundtrack vor dem Film existierte. Normalerweise ist das Bild in der Finalisierung oder sogar gänzlich abgeschlossen. Dem Musiker lasse ich danach relativ freie Hand, untermale meine Vorstellungen mit Tonbeispielen oder schlüssele meine verwendeten Erinnerungen auf und warte, was anschliessend seiner Imagination entspringt.
Dieses Vertrauen führt oft zu Ergebnissen, die meinen musikalischen Erwartungshorizont übersteigen. Insbesondere die Arbeit mit Heiko Tippelt und Philipp Hirsch an „_grau“ sticht in meinen Augen heraus und führte zur wiederholten Zusammenarbeit mit Heiko beim Ident „Human Paint“, sowie dem nächsten geplanten Filmprojekt.
Du warst diese Jahr auf einer „Japan Tour”. Was war das genau, was hast Du dort gemacht und erlebt?
Max Hattler und ich sind 5 Wochen durch Japan gereist und haben Vorträge, Screenings und Performances in Universitäten und Kulturzentren abgehalten. Dabei war unser Terminplan unvernünftigerweise so voll, dass kaum Zeit für ein bewusstes Entdecken dieses facettenreichen Landes blieb und ich am Ende alles nur noch an mir vorbeiziehen sah. Diese entkoppelte Selbstwahrnehmung, das ständige Vermengen und Überlagern von Eindrücken empfand ich sowohl als kräftezehrend als auch visuell anregend.
Das gesamte Konvolut aus Schattenbildern, Déjà-vu-Erlebnissen und allgemeiner Überreizung wird sich 2009 in einem neuen Kurzfilm niederschlagen, welcher zudem die Methoden meiner Live Performances verfeinert und konserviert.
Was machst Du zur Zeit? Gibt es ein aktuelles Projekt?
Neben dem erwähnten Film arbeite ich gerade an zwei kleineren Projekten, zum einen an einer virtuellen Skulptur für eine Ausstellung in Südkorea, zum anderen an einer Installation zum Jubiläum des Bauhaus. Und obwohl meine Freunde langsam daran zweifeln, steht immer noch mein Umzug nach Berlin auf dem Plan, allerdings kommt schon seit Monaten immer wieder etwas dazwischen …
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